Der Moment, das erste Mal loslassen zu können

Artikel aus der Wümme-Zeitung vom 24.03.2021, Text: Frank Mühlmann, Foto: Matthias Wulff (Wulff Photography)

Beim TV Lilienthal hat sich eine mittlerweile fast 100 Mitglieder umfassende Sparte gebildet, die sich voll und ganz dem Einradfahren verschrieben hat.

Der Grundschüler Marek passt überlegt auf seinen 46-jährigen Vater und Trainingspartner Jason Mullarkey, der sich auf in Richtung des gegnerischen Tores macht. Eine solche Spielszene ist alles andere als unüblich in der Mehrgenerationensportart Einradhockey, die beim TV Lilienthal seit 2015 praktiziert wird. Die Mannschaften sind auch bei Wettkämpfen erfreulich „kunterbunt“, beim TVL sind etwa zwei Drittel aller Teammitglieder weiblich. Wer sich jedoch auf dem wackligen Gefährt in wilden Zweikämpfen messen möchte, braucht zunächst jede Menge Übung und Geduld.

Das Gesicht der mittlerweile rund 100 Mitglieder umfassenden Sparte ist Abteilungsleiter Malte Voelkel, der das Einradhockey in Lilienthal ins Leben gerufen hatte und auch die ästhetische Form ohne Schläger, die Einradfahren-Kurse, vor vier Jahren vom engagierten „Gründungsvater“ Cord Metzing (2003) übernahm. Erstmals kam Malte Voelkel in der dritten Klasse mit dem Einradfahren beim TVL in Berührung. „Ich muss zugeben, dass ich es zu Beginn gar nicht so interessant fand, da man sich erstmal auf seinem Sportgerät zurechtfinden muss und es schwierig zu lernen ist“, erzählt der heute 23-Jährige. Der anfängliche Respekt wich aber schnell einer riesigen Leidenschaft. Beim Bremer Hochschulsport erlernte er später die Hockey-Variante, sitzt heute gar im sechsköpfigen Ausschussgremium der Deutschen Einradhockeyliga und bringt Kindern sowie Erwachsenen in diversen Anfänger- und Fortgeschrittenenkursen beide Teilsportarten in der Konventshof- und Trupermoorhalle bei.

Für Interessierte, die diesen Trend einmal ausprobieren möchten, hält der Verein beim Training diverse Proberäder in allen Größen bereit. Erst wenn einen der Ehrgeiz gepackt hat, sollte man sich ein sogenanntes QU-AX-Rad im durchschnittlichen Wert von gut 100 Euro zulegen. „Das ist auf Dauer natürlich empfehlenswert“, meint Malte Voelkel, „schließlich sollte das Einrad einerseits auf die individuellen Maße angepasst sein, andererseits ist es ja auch schön, den Sport vor der eigenen Haustür ausüben zu können, beispielsweise bei einer Tour auf dem Deich.“

Um diese unfallfrei zu bewältigen, bedarf es jedoch zahlreicher Trainingseinheiten. Die ersten Schritte erproben Novizen an einem aufgebauten Kasten, an dem sie sich langsam versuchen, vorzuarbeiten. Später ist die Hand des Trainers die notwendige Unterstützung, bevor nach etwa einem Vierteljahr und zahlreichen zu erfüllenden Aufgaben in mehreren „Führerscheinen“ die erste freihändige Fahrt ansteht. „Ich kann mich noch an dieses Erfolgserlebnis erinnern, das erste Mal alleine durch die ganze Halle gefahren zu sein. Spätestens in diesem Moment war ich Feuer und Flamme“, berichtet Malte Voelkel. Laut des Studenten der Osteuropastudien wird beim Einradfahren nicht nur der Gleichgewichtssinn geschult, sondern auch die Fähigkeit, sich Herausforderungen zu stellen und „den inneren Schweinehund zu überwinden“.

Ein Teil der Trainingsstunden ist folglich auf das individuelle Erlernen abgestimmt. Fortgeschrittene üben besondere Schwierigkeiten wie zum Beispiel das Fahren auf einem Bein oder ohne Sattel, auf Giraffeneinrädern mit einem besonders langen Hals, generell verschiedene Tricks oder einfach bei Sprintrennen möglichst schnell zu sein. Voelkel setzt aber stets auch auf spielerische Elemente wie zum Beispiel Fang- oder Tickspiele in der Gruppe.

Viele geübte Fahrer landen später beim Einradhockey, dessen Partien mit einem Keeper und vier Feldspielern gespielt werden und 2×12 Minuten dauern. Beim Training feilt Malte Voelkel am Torschusstraining aus verschiedenen Distanzen, der Schlägerhaltung oder mehreren Pass- und Schussarten, wie zum Beispiel dem „Schlenzer“. Das Lilienthaler Team, die „Moorteufel“, errang 2018 die vierthöchste Meisterschaft. Vor der Corona-Pause sind sogar noch zwei Nachwuchsmannschaften hinzugekommen, und man träumt im TVL-Lager bereits davon, sich bei der nächsten Weltmeisterschaft im französischen Grenoble mal mit Mannschaften aus Südkorea, Australien oder Dänemark zu messen.