„Als ich freihändig fahren konnte, war ich Feuer und Flamme“

(Interview aus dem Weser-Kurier vom 11.07.2021, Seite 26, Serie Übung&Meister)

Herr Voelkel, es heißt auf der Vereinsseite des TV Lilienthal: Jeder kann das Einradfahren erlernen! Ist es wirklich so einfach?

Malte Voelkel: Ja, eigentlich schon. In unserer Sparte haben wir Mitglieder von sechs bis 65 Jahren – die haben alle das Einradfahren früher oder später erlernt. Es ist auch wirklich so, dass es jeder erlernen kann. Manche brauchen vielleicht etwas mehr Geduld, manche weniger, und in der Regel lernen ­Kinder ein Tickchen schneller. Aber bislang haben wir es noch geschafft, jedem das Einradfahren beizubringen, der zu uns gekommen ist.

Was ist die größte Herausforderung dabei?

Einmal der Gleichgewichtssinn, natürlich. Aber das Besondere beim Einradfahren für mich ist, eine Fähigkeit zu erlernen und dabei die eigenen Hemmnisse zu überwinden. Man braucht Geduld und Übung, bis man zuerst sicher auf dem Einrad fahren kann. Aber wer sich der Herausforderung stellt, den inneren Schweinehund überwinden will und sich von kleinen Enttäuschungen nicht entmutigen lässt, der kann das Einradfahren eigentlich ganz gut erlernen.

Wie kommt man eigentlich zum Einrad­fahren? Kommen Ihre Mitglieder mit einer festen Absicht zu Ihnen oder eher zufällig?

Das ist ganz unterschiedlich. Die meisten, die auf uns zukommen, sind Grundschüler. Und bei denen steht im Vordergrund, dass sie sich mit Freunden treffen wollen und mit ihnen zusammen das Einradfahren aus­probieren wollen. Bei den Älteren, also ab elf, zwölf Jahren, geht es mehr um den Mannschaftssport und um Einradhockey selbst. Und bei den Erwachsenen ist es so, dass sie einen regelmäßigen Sporttermin in der ­Woche haben wollen. In allen Altersgruppen spielen unterschiedliche Interessen rein.

Was war denn Ihr ältester Neueinsteiger?

Wahrscheinlich wird ihn das jetzt nicht freuen, wenn er davon in der Zeitung liest. Aber der Älteste in unserer Abteilung ist knapp über 60 und kam zum Einradfahren als Vater einer Teilnehmerin, die für uns schon länger fährt. Er wurde dann durch seine Tochter so überzeugt, dass er es selber ausprobieren wollte. Und mittlerweile macht er es richtig gut.

Einradfahren ist die eine Sache, der TV Lilienthal bietet zudem auch Einradhockey an. Ist der Wechsel dorthin fast zwangsläufig? Wie groß ist der Sprung?

Den Sprung machen viele, aber nicht alle. Manche mögen die ästhetische Form mehr, versuchen sich an Herausforderungen wie Giraffefahren, also auf einem großen Einrad fahren, oder Einbeinfahren oder das Fahren ohne Sattel. Viele wechseln aber auch zum Einradhockey. Dafür muss man aber auch freihändig fahren und eigentlich auch alleine aufsteigen können. Wer das kann, bekommt aber eigentlich direkt einen Schläger zum Ausprobieren. Wir haben auch eine Anfängergruppe für die, die dabei sind zu wechseln.

Wie lange muss man trainieren, um so weit zu sein?

Ich würde sagen, dass ein motiviertes Grundschulkind das freihändige Fahren und Aufsteigen in einem Vierteljahr erlernt, und ab dem Moment ist es auch schon denkbar, der Person einen Schläger in die Hand zu drücken. Und wenn die Person genug Sicherheit und Kontrolle mit dem Schläger hat, kann sie auch schon an Wettkämpfen für uns teilnehmen.

Was fasziniert Sie selbst am Einradfahren beziehungsweise Einradhockey? Kann man das überhaupt miteinander vergleichen?

Einradfahren ist eher ein Individualsport im Gegensatz zum Einradhockey. Mich fasziniert bei beidem, dass es ein Mehrgenerationensport ist und auch ein geschlechterübergreifender Sport. Ich finde es toll, dass bei unseren Einradhockey-Teams ein Vater mit seinem Sohn zusammenspielt. Und das macht es trotz des durchaus vorhandenen Ehrgeizes, im Wettkampf ein gutes Ergebnis zu erzielen, auch aus. Der Spaß steht bei uns mehr im Vordergrund als in manch anderer Sportart.

Wie sind Sie überhaupt zum Einradfahren gekommen?

In der dritten Klasse hat mich eine Freundin davon überzeugen wollen, das mal aus­zuprobieren. Ich war anfangs etwas skeptisch, habe es dann ausprobiert und war zunächst noch ziemlich wackelig unterwegs. Ich fand es relativ schwierig zu erlernen. Nach einem Vierteljahr oder etwas mehr kam dann ­dieses Erfolgserlebnis, dass ich freihändig fahren konnte. Von dem Moment an, als ich freihändig fahren konnte, war ich Feuer und Flam­me. Und ich wusste auch ab diesem Moment, dass ich Hockey spielen würde. Leider gab es das damals noch nicht in Lilienthal, des­wegen bin ich zum Hochschulsport an die Bremer Uni gegangen, da war ich in der fünften Klasse. Ich wollte es so sehr, ­obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht selbstständig aufsteigen konnte. Heißt: Wenn ich auf dem Spielfeld vom Einrad ­gefallen bin, musste ich immer wieder zur Hallenwand, um so wieder aufsteigen zu können.

Aber mittlerweile klappt’s?

Es dauerte wirklich lange, aber irgendwann konnte ich das auch.

Aber diesen Ehrgeiz bringt nicht jeder auf, und angesichts der Herausforderungen gerade zu Beginn geben doch einige entnervt auf, oder?

Es gibt schon ein paar Leute, die am Anfang für sich selbst nicht genügend Erfolgserlebnisse geholt haben, um dabei zu bleiben. Das ist aber eher selten der Fall. Und es gibt teilweise Abbrüche bei denjenigen, die zwar freihändig fahren können, aber nicht den nächsten Schritt schaffen, wie zum Beispiel alleine aufzusteigen oder auf der Stelle zu pendeln.

Aber wenn man es dann kann, ist es quasi wie Fahrradfahren? Man verlernt es einfach nicht?

So kann man das sehen. Das kann ich auch an mir festmachen. Ich war während meines Studiums für ein Jahr in Russland, und direkt als ich wieder zurück in Lilienthal war, musste ich im Spiel ran – und es war alles kein Problem. Es war vielleicht konditionell ein Problem, aber nicht von den Fähigkeiten auf dem Einrad. Das verlernt man so schnell nicht.

Wie haben eigentlich Freunde auf Ihr Hobby reagiert? Die meisten spielen Fußball, Handball oder Volleyball. Aber Einradhockey, damit sind Sie doch ein Exot, oder?

Zu meiner Zeit war das vielleicht noch so. Als ich meinen Freunden erzählt habe, dass ich Einrad fah­re, gab es großes Erstaunen und ein bisschen Ungläubigkeit. In den letzten Jahren hat sich die Sportart in Lilienthal aber etabliert. Wenn ich heute erzähle, dass ich Einradhockey spiele, dann haben viele davon schon einmal gehört. Der Exoten-Status ist ein wenig aufgeweicht, was ich natürlich sehr gut finde.

Sie haben Ihren Teil in Lilienthal dazu beigetragen. Trotzdem: Wie viel Nischen-Dasein schwingt beim Einradhockey allgemein noch mit?

Ich finde gar nicht mehr so. Es ist eher so, dass sich eine kleine Hochburg in Lilienthal gebildet hat. Einradhockey wird in der näheren Umgebung sonst nur noch an der Uni in Bremen und in Thedinghausen angeboten. Da es in Thedinghausen zwei Teams, an der Uni zwei Teams und in Lilienthal drei Teams gibt, ist das gleichzeitig aber auch schon relativ viel, wenn man das mit ganz Deutschland vergleicht. In Bayern zum Beispiel gibt es gar kein Einradhockey-Team. Wirklich verbreitet ist Einradhockey vor allem im Ruhrgebiet, in der Umgebung von Frankfurt und hier im Bremer Umland.

Wie viele Mitglieder hat die Einrad-/Einradhockey-Sparte des TV Lilienthal?

Wir haben fast 100 Aktive in un­serer Abteilung. Davon spielt ein Drittel Einradhockey.

Wie ist die Sportart organisiert? Gibt es einen geregelten Spielbetrieb?

Es gibt seit 1995 die Deutsche Einrad­hockey-­Liga, in der sind auch fast 100 Vereine versammelt. Jedes Team schreibt Turniere aus, zu dem sich andere Teams anmelden können. Die besten fünf Turnierergebnisse ergeben ein Gesamtergebnis, was dann für einige Teams die Qualifikation für eine Meisterschaft bedeuten kann. Etwa das obere Drittel der Liga qualifiziert sich dann für eine der Meisterschaften A, B, C und D. An Letzterer haben wir in der letzten regulären Saison, also 2019, mitgemacht. 2018 konnten wir diese sogar gewinnen. Das ist auch unser größter sportlicher Erfolg bislang.

Und gibt es für Einradfahrer einen sportlichen Wettkampf?

Wir haben bereits zum zweiten Mal  einen sogenannten Einrad-Tag ausgerichtet auf den Leichtathletik-Bahnen des Hochschulsports Bremen. Der letzte war gerade erst vergangene Woche. Da werden Wettkämpfe veranstaltet, in denen es nach Schnelligkeit oder Geschicklichkeit geht. Die speziellste Disziplin dabei ist wohl der Wheel Walk, das heißt mit beiden Füßen auf dem Reifen laufen. In allen Disziplinen, die Teil unseres Einrad-Tages waren, gibt es in Deutschland auch öfters mal Wettkämpfe, und sie sind auch Teil der Einrad-Weltmeisterschaften. Wir streben es zumindest an, in der Zukunft bei solchen Wettkämpfen und auch bei der Weltmeisterschaft nächsten Sommer in Frankreich teilzunehmen.

Was würden Sie denjenigen raten, die mit dem Gedanken spielen, sich einmal auf dem Einrad auszuprobieren? Außer vielleicht, dass man keine Angst vor blauen Flecken haben sollte.

Blaue Flecken und Verletzungen passieren sehr selten, weil man aufgrund der geringen Distanz von Sattel bis zum Boden eigentlich sehr gut mit den Füßen abfangen kann. Ansonsten würde ich raten, es einfach mal auszuprobieren.

Das Gespräch führte Dennis Schott.